Echo
Teilnahme an der Herzschule nimmt Einfluss auf den Alltag, kann den Lebensstil ändern. Aber wie sieht das aus? Marianne (51) und Lothar (55) aus dem Herzschuljahrgang 2008 erlaubten uns, ein Gespräch mit der Journalistin Annette Bopp wiederzugeben.

Lothar:
Der Gesamtzusammenhang zwischen den verschiedenen Bereichen, die in der Herzschule eine Rolle spielen, wird mir erst jetzt klarer, seit ich einige Zeit regelmäßig dabei bin. Manchmal dachte ich schon: Herzschule ... muss das jetzt sein? Und dann spüre ich wieder: Das funktioniert. Ich komme an und bin aufgeregt und angespannt, und wenn ich nach Hause fahre, bin ich ruhig und entspannt. Das greift. Und ganz langsam setzt es sich dann auch im Leben durch, ich bin einfach generell entspannter, mir ist vieles bewusster.

Marianne: Ich merke, dass die Zeiten ruhiger werden – langsam, aber sicher. Wir sind nicht mehr so gestresst, wir können Stresssituationen schon viel besser aus dem Wege gehen – es kann noch besser sein, aber es ist schon spürbar. Wir neigen dazu, uns von allen Menschen stressen zu lassen, alle beide, so haben wir leider kein Korrektiv. Aber da sind wir in kleinen Schritten gut auf dem Weg. Die Abstände, in denen wir uns das sagen, werden kürzer und die Zeiten, in denen wir stressfrei sind, länger. Das ist für mich das Wichtigste.
Mir hat auch der Vortrag von Holger Bahr in Reichenow sehr geholfen – wir haben gemerkt, dass wir beide gleichermaßen an diesem Tiefpunkt waren. Für mich war das eine Initialzündung, und jetzt arbeiten und lernen wir daran.

Lothar: Die Herzschule hilft uns, diesen Anschluss nicht wieder zu verlieren. Ich habe mal gelesen, dass schon nach drei Monaten 40 Prozent der Patienten, die in der Reha waren, wieder da sind, wo sie vor dem Herzinfarkt waren – mit Rauchen, schlechtes Essen, Alkohol, Hektik, Stress. Und nach einem Jahr sind es 80 Prozent. Und das ist in der Herzschule anders, diese Nachhaltigkeit jeden Montag, die hilft, dass man eben nicht wieder in das alte Fahrwasser gerät. Man muss das ja immer wieder ins Bewusstsein rufen, und das tut die Herzschule. Das kostet zwar was, vor allem, wenn man es zu zweit macht, aber es lohnt sich. Es werden Themen angesprochen, die jeden von uns beschäftigen, einfach Stressfaktoren sind und die man da anfassen muss – wozu man sonst eher keine Lust hat und es deswegen auch lieber nicht tut, und man sieht: damit bin ich ja gar nicht alleine, anderen geht es genauso. Und inzwischen jogge ich wieder viel mehr und ich fahre Fahrrad. Das habe ich aus Reichenow mitgebracht – wir sind ja bei jedem Wetter raus. Früher hätte ich das nie gemacht! Wenn es gut läuft und wenn meine Gelenke mitmachen, jogge ich dreimal in der Woche ca. eine halbe Stunde. Und am Wochenende geht’s auch noch raus, zum Walken, gemeinsam, wir beide.

Marianne: Wir gehen inzwischen auch viel früher ins Bett – wir sind beide Nachtmenschen, hatten eher zu wenig Schlaf. Wir saßen spät abends gerne noch zusammen, tranken einen Wein und redeten. Das hat sich geändert. Wir liegen zwischen 22 und 23 Uhr im Bett – früher war es meistens halb eins. Und wir spüren das: Wir sind ausgeruhter, ruhiger. Das Gute ist, dass wir da beide an einem Strang ziehen. Ich bin tagsüber auch nicht mehr so müde, ich hatte sonst nachmittags immer einen Durchhänger. Vor der Reichenow-Woche hat mir Dr. Fried im Vorgespräch mal gesagt, dass man krank wird, wenn man nie so lebt, wie man leben möchte. Da habe ich mich sehr erschrocken. Mir war das ja durchaus vorher schon klar – aber wenn man es so knallhart und direkt gesagt bekommt, ist das nochmal etwas anderes. Da fing es bei mir an zu gären. Und dann kam der Vortrag von Holger Bahr, da habe ich gemerkt – das ist mein Stress, ich tue nicht das, was ich tun möchte. Ich war unterfordert und unterbezahlt und unzufrieden – rundum. Aber es hat bis jetzt gedauert, dass ich die entsprechenden Schritte einleiten konnte: Vor ein paar Tagen habe ich endlich gekündigt! Jetzt mache ich eine Fortbildung und will dann versuchen, einen neuen Job zu finden. Ich sage mir dann immer den Spruch, den Sophia Prange uns beigebracht hat: »Was ich tu, ganz in Ruh, und mit Mut, das wird gut!« So ist es! Ich neige nämlich dazu, immer alles auf einmal zu wollen ... Es ist ja wichtig, dass man so etwas wirklich mit in den Alltag hinein nimmt. Und das hilft mir. Ich werde wirklich ruhiger dadurch, der Satz wirkt per se auf mich beruhigend.

Lothar: Ich hatte ja keinen Herzinfarkt, aber ich war sicher kurz davor. Schon in der Reha habe ich dann angefangen nachzudenken und in mir zu graben: Was will ich beruflich eigentlich? Ich will mich ja nicht ausklinken, aber ich habe mich schon überfordert. Ich bin jetzt seit 18 Jahren in diesem Job, das ist nicht ganz so einfach, es gab eine ziemliche Fluktuation dort, und ich fing an, darüber nachzudenken, was ich eigentlich will, auch dort, an meinem Arbeitsplatz. Und damit mir das noch besser klar wird und damit ich das, was war, besser verarbeiten kann, habe ich jetzt eine Psychotherapie begonnen, eine Geprächs- und Verhaltenstherapie. Ich spüre ganz genau, dass hier etwas in Bewegung ist, das gibt Zuversicht, aber wir können es beide noch nicht so genau fassen, was sich ändert und in welche Richtung. Wir wissen aber: Alles wird gut. Diese Sicherheit hatte ich vorher nicht. Mein Bewusstsein, was meinem Herzen gut tut und was nicht, ist viel schärfer geworden. Körper und Seele sprechen jetzt Deutsch oder Englisch mit mir, vorher haben sie Italienisch gesprochen oder Russisch! Ich nix verstehn! Und mein Ziel ist, dass sie nur Deutsch sprechen – das verstehe ich am besten! Das bringt auch mit sich, dass unser Leben zurzeit eine andere Qualität bekommt – es nicht noch nicht ganz so, aber wir sind auf dem Weg. Manchmal bin ich noch etwas ungeduldig, mir geht das alles oft nicht schnell genug. Dann werde ich sperrig und bockig, aber es wird mir bewusst und wir sprechen darüber und so kann ich besser damit umgehen.

Marianne: Die Herzschule hat uns auch als Paar wieder näher zusammengebracht. Unsere Beziehung hatte eine Krise vor Reichenow, ganz klar. Die Reichenow-Woche und die Herzschule haben uns wieder zusammengeführt – das Lebensgefühl ist neu entstanden.

Lothar: Wir nehmen die Dinge bewusster wahr, gehen anders damit um. Wir wissen: Es ist etwas in Bewegung gesetzt worden – durch welche Auslöser auch immer. Die Beziehung, die Zweisamkeit, das ganze engere soziale Gefüge ist viel wichtiger geworden – auch Freunde, Bekannte. Zumindest zu denen, die einem gut tun. Andere haben wir aussortiert. Sehr wohltuend, diese Erfahrung!

Marianne: Konkretes Beispiel: Wir sitzen mit alten Freunden zusammen und erzählen von uns, wie es uns geht, mit dem Herzen. Am nächsten Tag ruft mich die Freundin an und fragt mich: »Lasst Ihr Euch jetzt scheiden? Ihr wart so anders als sonst.« Da hatten wir erzählt, wie es uns geht, was wir denken und was wir jetzt machen. Wir haben häufiger gespürt, dass Menschen damit nicht umgehen können – mit der Krankheit und auch damit, welche Konsequenzen wir daraus ziehen. Oder dass wir klarer sagen, was wir denken oder auch mal Nein sagen. Das sind sie von uns nicht gewöhnt! Die Offenheit und Klarheit. Wir sind nicht mehr so bequem, wir denken eher mal an uns selbst und fragen uns: Tut uns diese Situation jetzt gut? Und antworten dann entsprechend. Da sortiert sich einiges ... Wir waren früher immer die Netten. Heute sind wir die Unbequemen!

Weitere Erfahrungsberichte finden Sie im Buch "Die Havelhöher Herzschule".

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